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Ratzel

Page history last edited by Johannes 10 years, 11 months ago

Friedrich Ratzel und der Sozialdarwinismus

 

(Script für Kurzreferat von Johannes Michael Wagner im interdisziplinären Doktorandenkolloquium "Raum und Grenze in der kulturwissenschaftlichen Theoriebildung" im WiSe 2008/09 an der Uni Heidelberg über Friedrich Ratzel und seinen den Sozialdarwinismus begründenden "Raum"-Begriff)

 

 

Friedrich Ratzel (* 30. August 1844 in Karlsruhe; † 9. August 1904 in Ammerland am Starnberger See).

 

Quasi Begründer der Fachrichtungen der Anthropo- bzw. Humangeographie1 (nachdem durch von Richthofen die Physiogeographie stark vorangebracht und popularisiert worden war, betrachtete Ratzel nun die Wechselwirkungen zwischen Erde, Natur und Mensch) und der Politischen Geographie, wichtig auch für Entstehung der Geopolitik.

 

Ratzel hat in HD, Jena und Berlin studiert, wurde in HD promoviert (in der Zoologie), danach Lehrtätigkeit (Geographie) an TH München und Uni Leipzig. Studienreisen nach Frankreich, Italien, Kuba, Mexiko, Ungarn und in die USA.2

 

Ratzel: „So weit die Erde für den Menschen bewohnbar ist, finden wir also Völker, die Glieder einer und derselben Menschheit sind. Die Einheit des Menschengeschlechts ist also das tellurische oder planetarische Merkmal, das der höchsten Stufe der Schöpfung ausgeprägt ist. Es gibt nur eine einzige Menschenart, deren Abwandlungen zahlreich sind, aber nicht tiefgehen.“

-> antirassistische Tendenz – oder etwa doch nicht?

 

Im Knox/Marston, zumindest in HD das Standardwerk der Humangeographie (hg. u.a. von den Professoren Gebhardt und Meusburger des Heidelberger Geographischen Institutes), heißt es über Ratzel (neben Immanuel Kant, Alexander v. Humboldt, Fritz Ritter):

Deren Verdienst bestand vor allem darin, die Geographie, die sich lange Zeit der reinen Beschreibung von Teilen der Erdoberfläche gewidmet hatte, dahngehen weiterzuentwickeln, dass nun erklärende und verallgemeinernde Aussagen über Beziehungen zwischen verschiedenen Phänomenen an und zwischen bestimmten Orten angestrebt wurden.“3

und

Ratzel berief sich in seiner organischen Theorie des Staates auf biologische Mechanismen, Er glaubte, dass Staaten ähnlich wie lebende Organismen die Stadien von Jugend, Reife, Alter und möglicherweise sogar die Rückkehr zu Jugend durchlaufen. Zudem war er der Ansicht, dass man das Wohlergehen des Staates an seiner Größe messen kann, die zeitlicher Expansion und Kontraktion unterliegt. Auch wenn Ratzel ein Vertreter des Naturdeterminismus war, so glaubte er doch nicht, dass der Staat ein lebendiges Wesen sei, sondern dass er nur so handeln und mit zunehmender Bevölkerung sein Territorium ausweiten müsse.“4

 

Die Theorien Ratzels (1887, nach ihm Haushofers, Heß') denkt 35 Jahre später die NSDAP zu einem politischen 25-Punkte-Programm weiter (1920). Hitler führt dies inHaft in „Mein Kampf“ (1925-1927) weiter aus. Der Sozialdarwinismus wird damit eine der Säulen der Ideologie des Nationalsozialismus (1933-1945).5

 

Biologistisch-darwinistischer Determinismus (-> Sozialdarwinismus) legitimiert nicht nur, sondern fordert quasi den Kampf von „Leben mit Leben um Raum“, die beständige territoriale Expansion der „Völker“, eine Erweiterung des Lebensraums, um sich weiterentwickeln zu können.

Im Zusammenspiel mit dualistischen Dilemmata – Fortschritt oder Rückgang, Amboß oder Hammer, herrschen oder dienen – wird die Expansion zur Prämisse der Existenz: „Deutschland besteht nur, wenn es stark ist“ (Ratzel 1898).

 

Der Staat ist bei Ratzel ein mit seinem Boden (durch Blut und Schweiß) verwurzeltes „organisches Wesen“, das sich im Kampf ums Dasein befindet.

Dies bildet die theoretische Grundlage der sozialdarwinistischen Geopolitik Hitlerdeutschlands, in Verbindung mit Antijudaismus (bzw Antisemitismus) gewissermaßen sogar der Shoah (bzw des Holocaust, je nach Perspektive).

 

Zentrale Kategorien der Politischen Geographie sind für Ratzel Lage, Raum, Grenze und Geschichtliche Bewegung (wie Migration oder auch Innovationen).

Dies macht deren Bedeutung (und mit Blick auf den NS auch die Bedeutungsschwere) für unser Anliegen hier deutlich.

 

Bei aller Vorsicht und Berücksichtigung des auf uns veraltet und unreflektiert wirkenden Sprachgebrauchs, des ideen- und zeitgeschichtlichen Hintergrundes Ratzels sowie der nachfolgenden Weiterentwicklung seiner Ideen müssen dennoch einige seiner Erkenntnisse als durchaus innovativ und auch noch für heutige Wissenschaft (und gesellschaftliche Realität) relevant eingestuft werden.

 

Für uns dabei wohl relevant:

Er sieht den Staat als „dynamisches Raumgebilde“, in dem Menschen und physikalische Gegebenheiten aufeinander einwirken, Grenzen als periphere Organe des Staates, „Zeugnisse eines vorwärtsdrängenden Wachstums“ (Ratzel 1903).

Dabei herrscht bereits keine Vorstellung von rein physikalischem Raum mehr vor, sondern dem Staat werden Eigenschaften eines Organismus zugeschrieben, in dem Beziehungen den Raum definieren.

 

Im ersten Abschnitt „Das Wesen der politisch-geographischen Lage vorliegenden Textes „über die geographische Lage“, in dem Ratzel knapp seine Auffassung von „Raum“ und „Lage“ darlegt,

vergleicht er sehr metaphorisch-bildhaft sein Konzept der „geographischen Lage“ mit einem unter der Wasseroberfläche liegenden Fels, der den Strom des Wassers und die Gestalt der Wellen, d.h. der aufeinanderfolgenden Generationen eines „Volkes“, beeinflusst. Dieses „Beständige in der Bewegung“ geht „in alle Lebensäußerungen über“, d.h. Das Physische wirkt sich auf das Menschliche aus, steht mit ihm in (auch wechselseitiger) Beziehung. Diese physikalische Lage lässt sich mit dem Wort WO erfragen – „Wo befindet es sich“ sei eine der wesentlichsten Fragen zur Klärung der Lage (der „irdischen Dinge“), aber bei weitem nicht die einzige.

 

Der Satz „Indem ein Volk sein Land erhält, erhält es sich selbst“ (S. 287, nach einem Drittel des großen Absatzes) zeigt die Auffassung der engen Verbundenheit von „Volk“ und „Boden“, „die Römer kannten das Land der Deutschen [...] und das ist [...] Deutschland im wesentlichen geblieben“ deutet latent auf nationale ─ und recht deutlich zumindest Vorstellungen einer Kontinuität des Germanentums der Antike zum Deutschtum der Kaiserzeit hin.

Auch werden hier Raumkategorien mit Begriffen wie „das von der Natur gegebene“ oder „angestammter Besitz“ beschrieben, was man natürlich vor dem damaligen Ideenhintergrund sehen, aber nichtsdestotrotz kritisieren muss.

 

„Raum“ wird hier offenbar im Sinne eines kontinuierlich in Generationenfolge besiedelten „Lebensraums“ einer durch Blutsverwandschaft definierten „Volksgemeinschaft“ definiert, dessen Besitz von Generation zu Generation weitergegeben, verteidigt wird und nach Möglichkeit aggressiv-expansiv (auf Kosten anderer, „kulturell schwächerer Völker“) vergrößert werden muss.

 

Ratzels nicht-physikalischer Anteil der „geographischen Lage“ wird im Folgenden weiter definiert durch die Antworten auf die Fragen WIE und WIEVIEL (in Bezug auf WO für den physikalischen Anteil) in Bezug auf die Beziehungen und das Verhältnis von Dingen zu ihren „Nachbardingen“, nah und fern, nichts ist isoliert (= absolut, losgelöst), alles steht in Beziehung miteinander (ist relativ).

Die Antwort auf die Frage, welcher Art und Intensität (Qualität und Quantität) die Beziehungen zu anderen Sachen sind, ist also konstitutiv für die Lage einer Sache im Raum.

Lage wird nach Ratzel weiterhin durch Eigenschaften der Gegend bestimmt, was kulturelle Gemeinsamkeiten mit umliegenden Gegenden als auch physikalische Unterschiede zu anderen Gegenden angeht.

 

Im zweiten Abschnitt, „Lage und Raum“, wird die Bedeutung der Größe (bzw. Flächenausdehnung) als Konstitutente der Lage im Raum betont und gleichzeitig Raum (Benutzung des Begriffs „Flächenraum“ - S. 389 ganz oben) offenbar nur im Sinne von Flächenausdehnung gebraucht.

Im Folgenden beschreibt er mehrere Länder, Gegenden (= Räume) und deren Lage.

 

Im dritten Abschnitt „Die Bestimmung der politisch-geographischen Lage“ bringt er erst noch ein paar interessante Beispiele für „geographische Lage“ (Bsp. FRANKREICH bringen? Oder GRIECHENLAND? S. 392), bei denen man ihm zufolge stets vom größeren ins Kleine, vom allgemeinen ins Spezielle vorgehen müsse...

 

Was fehlt: kultureller Raum (Einflussbereich?), sozialer Raum (Hierarchien?) und generell der Blick auf etwas anderes als den nach „Volk und Boden“ definierten Flächenstaat.

 

Interessant ist auf jeden Fall die Einführung des relativen Lagebegriffs, den ich selbst zumindest bislang nicht so scharf vom Raum-Begriff getrennt habe. Auch die Betonung der Wichtigkeit der Beziehungen für den Raum sind zumindest für seine Zeit recht fortschrittlich.

 

 

 

1Die Erde in 24 gemeinverständlichen Vorträgen über allgemeine Erdkunde“ (1881) und „Die Vereinigten Staaten von Amerika“ (2 Bände, 1878-1880).

2Biografisches nach Wikipedia, http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Ratzel

3Paul L. Knox und Sallie A. Marston: Humangeographie. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2008, S. 12.

4Paul L. Knox und Sallie A. Marston: Humangeographie. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2008, S. 461.

5Siehe Text „Zur Geschichte der Geopolitik“.

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